Schienenstränge im zauberhaften Waldviertel

Im äußersten Nordosten Österreichs, unmittelbar an der Grenze zur Tschechischen Republik beginnen auf dem Bahnhofsvorplatz von Gmünd NÖ zwei der schönsten und urtümlichsten Schmalspurstrecken der ÖBB, es sind dies die Strecken Gmünd NÖ - Groß Gerungs und Gmünd NÖ - Litschau. Von letzterer zweigt in Alt-Nagelberg noch die Strecke nach Heidenreichstein ab. Zusammengefaßt spricht man auch kurz von den Waldviertler Schmalspurbahnen.

Wenn es bei unserem Hobby so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt, dann hatte es bei mir schon nach der ersten Fahrt voll eingeschlagen. Das war es, was ich gesucht hatte - eine unglaublich fantastische Landschaft und mittendurch fährt eine Schmalspurbahn! Dazu kamen noch die äußerst gastfreundlichen Menschen, allen voran Familie Hanneder in Weitra, bei denen ich mich bei meinen Aufenthalten stets sehr wohlgefühlt habe. Nicht minder freundlich war das Bahnpersonal an den Strecken. Vom Fahrdienstleiter Gmünd NÖ. konnte man immer die aktuellen Güterzugfahrzeiten erfragen, das Personal der Zugförderung und Unterwegsbahnhöfe war hilfsbereit und ließ sich öfters auf einen Schwatz mit den zahlreichen Hobbyeisenbahnern und Fotografen ein.

Weshalb ich Das alles in der Vergangenheit schreibe? Das hat einen traurigen Hintergrund, seit dem 10.06.2001 ist der Planverkehr im Waldviertel Geschichte. Eine 15 Jahre andauernde Salamitaktik seitens der ÖBB nahm mit dem letzten Regionalzug von Groß Gerungs nach Gmünd NÖ. ein Ende. Speziell dem bis zum Schluß sehr umfangreichen Güterverkehr versuchte man mit künstlichen Mitteln den Garaus zu machen. Der Personenverkehr war in den letzten Jahren sehr rückläufig, bis auf wenige Ausnahmen saßen nur noch Touristen in den Triebwagen, um die grandiose Landschaft des "Waldviertler Semmering" weit abseits der Straße und Ortschaften zu genießen. Wie es nun weitergehen soll, weiß keiner so recht. Der Nostalgieverkehr soll im Jahr 2001 noch stattfinden, ob allerdings das bislang vollständig vorhandene Netz komplett erhalten bleibt, steht in den Sternen.

Die folgenden Bilder der letzten 3 Jahre werden einen Betrieb zeigen, wie er nie wieder zurückkehren wird, das rollende Material wird zum Großteil umgesetzt, so freut man sich in St.Pölten auf die beiden 5090er - Triebwagen. Trotzdem wünsche ich viel Spaß beim Betrachten und Lesen.

Kritik, Lob oder Tipps? Hier ist Platz dafür!
bei Eichberg

Ich habe mich entschlossen, bis auf eine Ausnahme die südliche Strecke nach Groß Gerungs zu dokumentieren. Die ersten Kilometer bis zum Bahnhof Alt Weitra verlaufen weitgehend unspektakulär durch eine weite Ebene. Fotostellen sind rar gesät und man muß schon etwas genauer hinschauen. Mein persönlicher Lieblingsplatz ist in der Nähe der Haltestelle Eichberg. Am 8.10.1999 hat 2095 012 schon das Gröbste hinter sich und schlängelt sich mit einer Fuhre Erdäpfel am Haken vorbei an uralten, knurrigen Bäumen und einem nicht minder interessanten Wegekreuz. In 15 Minuten ist der Zug am Ziel, dem Bahnhof Gmünd NÖ. Dort können die aufgeschemelten Wagen die Fahrt auf den eigenen Rädern fortsetzen.

Bahnhof Alt Weitra

Erstes wirkliches Highlight ist der Bahnhof Alt Weitra. Die Zeit muß irgendwann stehengeblieben sein. Einschlägige Anbieter von Modelleisenbahnen hätten sicher ihre Freude dran, denn es harmoniert alles fantastisch, die Hochbauten, der unbeschrankte BÜ und umrahmt wird alles durch die herbstlich eingefärbte Natur. Ob allerdings das Zugpersonal des Güterzuges von Gmünd NÖ. nach Weitra ein Auge dafür hat? Die am 8.10.1999 anwesende Fotografenmeute freute sich auch über "Gastlok" 2095 015 aus St.Pölten, welche sonst auf der Strecke Ober Grafendorf - Wieselburg unterwegs ist. Zusammen mit 2095 014 wird die nun folgende Steigung nicht zum Traktionsproblem werden.

am Altweitraer Teich

Unmittelbar nach Verlassen der Ortschaft Alt Weitra wird die Landschaft schlagartig interessant und gebirgig. Im nun folgenden Abschnitt bis Weitra finden sich unzählige Fotomöglichkeiten mit Wäldern, Wiesen und Teichen. Auch ich konnte nicht widerstehen und war ein aufs andere mal begeistert. So auch von diesem Motiv. Es zeigt 2095 014, welche am 12.10.2000 mit einem Güterzug Groß Gerungs - Gmünd NÖ. am Altweitraer Teich entlang talwärts rollt. Wie schon im Jahr zuvor, spielt der Herbst alle seine Joker aus und präsentiert sich von der besten Seite.

zwischen Alt Weitra und Weitra

Nur wenige hundert Meter bergwärts enstand dieses Bild von Triebwagen 5090 004, welcher sich am 8.10.1999 als R2180 auf der Fahrt von Groß Gerungs nach Gmünd NÖ. befindet. Mit Lieferung der beiden Triebwagen 5090 004 und 005 im Jahr 1986 wurde ein neues Betriebskonzept verwirklicht. Dieses beinhaltete die Einstellung der Streckenäste nach Litschau und Heidenreichstein sowie einen verdichteten Fahrplan nach Groß Gerungs. Es sollte die letzte Chance für planmäßigen Reiseverkehr in dieser dünn besiedelten Region sein. Fünfzehn Jahre später läuteten die Totenglocken...

180°-Kurve zwischen Alt Weitra und Weitra

Bereits 1999 endete die Abfuhr der Waldviertler Erdäpfel. Für Leute,die der österreichischen Sprache nicht Herr sind - Erdäpfel sind in deutschen Breitengraden auch unter dem Namen Kartoffeln bekannt! Aber wieder zur Sache, am 8.10.1999 waren 2095 014 und 015 auf der Fahrt von Groß Gerungs nach Gmünd NÖ. noch gut ausgelastet. Immerhin 5 voll beladene Tdgs gab es zu befördern. Der Zug fährt soeben aus der 180°-Kurve zwischen Weitra und Alt Weitra aus, mit deren Hilfe ein beachtlicher Höhenunterschied überwunden wird. Im Jahr 2000 wurde etwas überraschend kein Erdapfel auf der Schiene transportiert, man versuchte das letzte Standbein der Waldviertler Schmalspurbahn abzusägen.

Bahnhof Weitra

Der wichtigste Unterwegsbahnhof ist Weitra, wo am 12.10.2000 2095 014 und 007 mit Rangierarbeiten beschäftigt sind. Trotz der eingestellten Erdäpfeltransporte hatte der Güterzug von Groß Gerungs, welchen beide Lokomotiven bis hierhin zusammen führten, die Grenzlänge erreicht. Der Zug wurde in diesem Zusammenhang geteilt. Zwei der drei aufgeschemelten Wagen wurden einfach vor der Einfahrt abgehangen. In Kürze wird 2095 007 die zwei leeren Rungenwagen rechts im Bild dem ersten Zugteil, mit 2095 014 an der Spitze, beistellen. Diese wird daraufhin sofort nach Gmünd NÖ. weiterfahren. Der 2.Teil wartet die nachfolgende Regionalzugkreuzung ab und folgt dem Vorzug erst 2 Stunden später.

Bahnhof St. Martin bei Weitra

Ein sehr schwieriges Unterfangen war es, im Waldviertel echte Fahrgäste ins Bild zu zaubern. Aber am 27.7.1999 hatte ich in St.Martin bei Weitra Glück. Gleich eine ganze Familie erwartet den soeben einfahrenden R2173 Gmünd - Groß Gerungs. Im Sommer 1999 war einer der beiden vorhandenen und benötigten Triebwagen defekt und mußte durch eine lokbespannte Garnitur ersetzt werden. Es kam auch vor, daß beide Triebwagen defekt waren. Dann wurde aus den letzten zwei(!) vorhandenen Reisezugwagen zwei(!) Zuggarnituren gebildet. Reisegruppen, mithin die letzten treuen Fahrgäste, mußten daraufhin abgewiesen werden.

zwischen St. Martin bei Weitra und   Steinbach-Großpertholz

Nach Weitra verläuft die Strecke weit abseits von allen Straßen. Die Unterwegshalte sind mit dem Auto kaum erreichbar. Auch die kleinen Dörfer an der alten Straße sind herrlich romantisch. Erst zwischen St.Martin und Steinbach-Großpertholz verläuft die Bahn wieder im Tal der Lainsitz und schlängelt sich vorbei an mehreren typischen Waldviertler Bauernhöfen. Am 30.7.1999 war Triebwagen 5090 005 als R2174 Groß Gerungs - Gmünd unterwegs in diesem Abschnitt. Wieder mal waren mehr Fotografen an der Strecke als Fahrgäste im Zug...

vor Haltepunkt Abschlag

Nach Verlassen des Bahnhofs Steinbach-Großpertholz beginnt der schönste Abschnitt im Netz der Waldviertler Schmalspurbahn. Die Strecke steigt steil an und verläuft durch enge Kurvenradien und die zwei Bruderndorfer Tunnel. Der Vergleich mit dem Semmering (wird tatsächlich als Waldviertler Semmering bezeichnet) ist nicht aus der Luft gegriffen, es geht durch tiefe Wälder, fernab jeder Ortschaft. Wer schon mal mitgefahren ist, wird das bestätigen können. Der Güterzug Groß Gerungs - Gmünd wird in Kürze den Haltepunkt Abschlag durchfahren, hat also den Brechpunkt schon überwunden. Zuglokomotiven waren am 12.10.2000 die 2095 007 und 014. Der Silo in Gr. Gerungs sorgte im letzten Einsatzsommer für gutes Aufkommen, auch dieser Zug hatte ausschließlich Getreide als Ladung.

vor Haltepunkt Bruderndorf

Am 13.10.2000 gab es überraschend noch am Nachmittag Arbeit für 2095 014. Es mußte ein einziger beladener Holzwaggon in Langschlag abgeholt werden. "Dank" der österreichischen Bahngewerkschaft war auch dafür ein Personalbedarf von 4 Mann nötig - Lokführer, Zugführer und 2 Rangierer (für die schweren Kuppelstangen)! Dazu kam noch der Fahrdienstleiter Langschlag, der aber nur für das Schließen der Schranke zuständig war. Im Bild befindet sich der Zug unweit dem Haltepunkt Bruderndorf auf der Rückfahrt nach Gmünd NÖ.

Haltepunkt Harruck

Das Wartehäuschen von Harruck kann sicher so manche Anekdote aus dem Leben dieser Strecke erzählen. Es stammt aus der Enstehungszeit der Bahn und wurde seitdem kaum verändert. Nur das Wichtigste, nämlich zahlende Fahrgäste, habe ich hier noch nie gesehen! Auch am 30.7.1999 wartet niemand auf den gerade heranfahrenden Regionalzug 2176, welcher erst vor wenigen Minuten Groß Gerungs verlassen hat. Nachdem der Fotograf deutlich gemacht hat, daß er nicht mitfahren möchte, schaltet der Lokführer von 2095 012 wieder auf und strebt auf Gmünd zu.

in der Blockheide zwischen Breitensee und Gmünd-Böhmzeil

Zum Abschluß dann doch noch ein Bild eines Güterzuges auf der Strecke nach Litschau. Selbstverständlich ist auch dieser Teil der Waldviertler Schmalspurbahn sehr romantisch, aber eben auf seine eigene Art. Bekanntestes Motiv ist die zweigleisige Parallelausfahrt in Alt Nagelberg. Über mehrere hundert Meter verlaufen die Äste nach Litschau und Heidenreichstein (Museumsbahn) zusammen und hat schon für viele stimmungsvolle Fotos gesorgt. Sonst gibt es kaum Höhepunkte. Recht nett ist der Streckenverlauf in der Blockheide zwischen den Haltestellen Gmünd - Böhmzeil und Breitensee. Hier ist am 13.10.2000 Gastlok 2095 007 aus Zell am See (Pinzgaubahn) mit ihrer Fuhre Holz auf dem Rückweg nach Gmünd NÖ.

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letzte Bearbeitung am 12. März 2003